Hauptteil 7: Gedanken schweben
Ideomotorik
Ideomotorik bezeichnet das Phänomen, dass unser Körper mit Bewegungen unseren Gefühlen und Gedanken folgt. Im Alltag zeigt sich dieses Folgen als Körperhaltung, als Muskelspannung und Bewegungsmuster einer Person, die sich natürlich mit der Stimmungslage und den Gedanken verändern. In Trance können ideomotorische Signale genutzt werden, um Informationen zu erhalten, die der Klient nicht aktiv mitteilen kann. Das Unterbewusstsein kann beispielsweise mit einem vereinbarten Fingersignal Fragen beantworten. Natürlich können ideomotorische Reaktionen auch suggestiv eingesetzt werden, beispielsweise bei Armlevitationen und Katalepsien. Die folgende Anwendung kann ohne Tranceeinleitung gemacht werden und wirkt daher umso nachdrücklicher. Es wird eine ideomotorische Reaktion (Aufwärtsbewegung des rechten Armes und Abwärtsbewegung des linken Armes) erzeugt, die dem Klienten zeigen soll, dass es die Bilder und Vorstellungen in seinen Gedanken sind, die seine Wahrheit der depressiven Gedankenmuster erzeugen. Damit soll der Glaube an Veränderungsmöglichkeiten über neue Gedanken und neue Bilder gestärkt werden. Natürlich kann das Ganze auch nach einer ausführlichen Tranceeinleitung gemacht werden, doch empfehle ich, gerade darauf zu verzichten, weil das mehr Eindruck hinterlässt. Geübte Hypnotiseure wissen: Ideomotorik funktioniert auch ohne Hypnose, doch wenn es funktioniert, ist es Hypnose!
Den folgenden Text können sie wahrscheinlich nicht so einfach vorlesen, wie alle anderen. Ich möchte sie trotzdem ermuntern, diese Variante einmal auszuprobieren. Es kommt nicht auf Formulierungen an, sondern auf die Vorgehensweise. Sie müssen also nicht jedes Wort auswendig lernen.
Erklären sie ihrem Klienten jetzt, dass er stehend beide Armen nach vorne strecken soll. Die Handfläche der linken Hand soll nach oben zeigen und die der rechten Hand nach unten. Dann soll er sich vorstellen, dass auf der linken Hand ein schwerer Gegenstand liegt, ein dickes Buch oder ein Stein. Gleichzeitig soll er sich vorstellen, am rechten Handgelenk wäre mit einem Bindfaden ein mit Gas gefüllter Luftballon festgebunden. Dann suggerieren sie, dass der schwere Gegenstand die linke Hand nach unten drückt und der Gasballon den rechten nach oben zieht. Wiederholen sie die Suggestion einige Male. Sehr schnell wird sich der linke Arm nach unten bewegen und der rechte nach oben. Der Klient hat gleichzeitig das Gefühl, dass der linke Arm tatsächlich schwerer wird und der rechte leichter. Das ist eine einfache Übung, die manchmal als Suggestibilitätstest gemacht wird. Sie gelingt immer, selbst dann, wenn ein Klient versucht gegen die Wirkung anzukämpfen. Er spürt sie und seine Arme werden sichtbar darauf reagieren. Das Ganze kann mit einer sehr weiten Scherenbewegung der Arme laufen oder mit „nur“ zehn Zentimetern Distanz. Doch das genügt auch. Klienten sind selbst dann von der Übung angetan, wenn sie diese bereits kennen. Und sie funktioniert dann immer noch. Probieren sie doch einfach einmal ohne Suggestion selbst, was geschieht, wenn sie die Arme wie beschrieben vorstrecken und sich bei geschlossenen Augen beide Bilder, schwerer Stein und Gasballon, intensiv vorstellen. Sie werden sehen: Ihre Arme reagieren darauf!
Sie brauchen natürlich keine Textvorlage, da sie diese einfache Übung nicht ablesen müssen. Dennoch habe ich hier ein kurzes Textbeispiel aufgeschrieben, als Orientierung. Ich mache die Übung oft auch in Kursen und arbeite da am liebsten stehend. Es geht aber auf im Sitzen oder im Liegen auf einer schmalen Liege.
Textanleitung als Orientierung:
... Stell dich aufrecht hin, stabil auf beide Beine. Und jetzt streck deine Arme nach vorne. Ganz locker, nicht überstrecken. Gut so. Jetzt dreh die Handfläche der linken Hand nach oben, sodass du etwas darauf legen könntest. Und die rechte Hand zeigt mit der Handfläche nach unten. Gut, es geht los ...
... Schließ die Augen und lass die Arme an ... jetzt stell dir einmal vor, du würdest einen ganz schweren Stein auf die linke Hand legen ... Leg in deiner Vorstellung einen schweren Stein auf die linke Hand und am rechten Handgelenk bindest du einen Luftballon, der mit Gas gefüllt ist ...
... Auf der linken Hand liegt ein ganz schwerer Stein und die rechte Hand wird von dem Luftballon nach oben gezogen ...
... Auf der linken Hand liegt ein ganz schwerer Stein und die rechte Hand wird von dem Luftballon nach oben gezogen ...
[Wiederholen sie die beiden Bilder und beobachten sie die Arme des Klienten. Sie brauchen keinen speziellen Trance-Tonfall in ihrer Stimme. Sie können ganz „normal“ weiter reden, gerne auch etwas schneller als sonst. Wiederholen sie die beiden Bilder entweder immer gleich oder mit anderen Worten bis der linke Arm langsam nach unten sinkt und der rechte sich aufwärts bewegt. Das wird sehr rasch geschehen. Es ist ganz einfach und gelingt jedem Laien auch ohne Trance und ohne jede Kenntnis von Hypnose, Trance oder Suggestion.]
Nun halte die Arme weiter so und öffne jetzt die Augen ... Schau dir deine Arme an!
Lassen sie den Klienten jetzt erst einmal staunen. Die meisten Menschen sind sehr überrascht, dass es funktioniert hat. Zwar wird die Bewegung der Arme meistens auch mit geschlossenen Augen gespürt, doch viele sind sich nicht sicher, ob es ein Trick ist, ob sie sich also die Bewegung nur einbilden. Umso intensiver ist die Überraschung, dass die Arme sich tatsächlich und vor allem (meist) so weit bewegt haben. Besprechen Sie nun noch einmal mit dem Klienten, dass es nur die Gedanken und Bilder in seinem Kopf sind, die diese Wahrheit erschaffen. Genauso sind es nur die Bilder in seinem Kopf, die seine Depression produzieren. Im Umkehrschluss bedeutet das natürlich, dass neue Bilder oder neue Gedanken auch neue Haltungen produzieren können.
Diese Übung ist als Suggestibilitätstest ziemlich langweilig, weil niemand einen solchen Test braucht. Als Einstieg in eine Therapie kann die Übung jedoch sehr zweckmäßig und hilfreich sein, um beispielsweise zu zeigen, dass Bilder und Vorstellungen uns tatsächlich sehr rasch und sehr deutlich beeinflussen können und zwar gegen das Wissen unseres Verstandes. Der weiß ja, dass auf der linken Hand kein Gegenstand liegt und an der rechten kein Ballon zieht. Schlagen sie dem Klienten vor, die Übung noch einmal zu wiederholen, damit er sehen und selbst überprüfen kann, dass die Wirkung auch dann spürbar ist, wenn er vorher weiß, was geschehen wird.
